Waghalsiges Kunstprojekt

09.09.2003 10:02

Zehn Mitglieder der Künstlerinnengruppe Thurgau beleben den markanten Hänkiturm während der nächsten Wochen mit einer Videoinstallation.

DIESSENHOFEN - Man kennt das ja: Gegenwartskunst zu erschliessen erweist sich immer wieder als schwieriger Weg mit zahlreichen Hindernissen. So auch in Diessenhofen: Abenteuerlich war es, das Besteigen des Hänkiturms und das Auskundschaften der Installation der zehn Künstler und Künstlerinnen aus der Künstlerinnengruppe Thurgau. Im Turm stauten sich auf den kleinen Plattformen und den engen Treppen die zahlreichen Gäste, um vielleicht hinter der nächsten Ecke kurz einen Blick auf einen weiteren Videoclip erhaschen zu können.

Sie haben es sich nicht einfach gemacht, die zehn Kunstschaffenden Martin Mäder, Fredi Bissegger, Marta Herzog-Gut, Stefan Rutishauser, Helmut Wenczel, Rolf Zurfluh, Marianne Joost-Schäffeler, Pierre Sutter, Erich Rutishauser, Mark J. Huber. Im Rahmen des «Kultursees», des Kulturprogramms des Thurgauer 200-Jahr-Jubiläums, haben sie ein gemeinsames Projekt realisiert. Als Ausgangspunkt ihrer Arbeiten wählten sie den Hänkiturm in Diessenhofen, ein markantes Bauwerk am Rhein, heute ein (bis auf hängende Feuerwehrschläuche) ungenutztes und unbeachtetes Denkmal mit einer reichen und wechselhaften Vergangenheit. Erwähnt wird der Turm erstmals im 14. Jahrhundert. Als Wehrturm schützte er die Stadt vor fremden Angreifern, als Gefängnis war er später ein Ort der Bestrafung, im 19. Jahrhundert wurde er von einer Garnfärberei industriell genutzt, und als wäre dies nicht schon genug, wird er jetzt vorübergehend zur Kulturstätte. Doch taugt er auch dafür? Seine dicken Mauern bieten Schutz. Braucht das die Thurgauer Gegenwartskunst? Seine Höhe suggeriert Ausblick, Weitblick, Überblick, einen veränderten Blick auf längst Bekanntes. Bieten das auch die Künstler mit ihren Videoclips?
Die architektonischen Verhältnisse des Hänkiturms machen das Präsentieren von Kunst nicht gerade leicht: Das Innere des fensterlosen Turms ist dunkel, der Raum hoch und eng. Eine schmale Treppe führt der Wand entlang zur oberen Plattform, die keinen Blick in die Landschaft, nur der Aussenwand entlang nach unten oder kleine Einblicke in das Innere des Turms gewährt. Es lag auf der Hand, dass die zehn Künstler und Künstlerinnen mit Videos arbeiteten, einem Medium, das Licht ins Dunkle bringt, ohne die Atmosphäre des Baus selbst zu zerstören. Die Installation ordnet sich dem Bauwerk unter, kleine Monitore stecken in engen Schlupfwinkeln, mal wird die grobe Mauer zur Projektionsfläche, und mitten im Turm schwebt horizontal eine Leinwand, von oben und unten sichtbar, auf der ein Zusammenzug der verschiedenen Clips zu sehen ist.

Unterschiedliche Perspektiven
So, wie sich die Funktion des Turmes im Laufe der Zeit verändert hat, so werden auch im Rahmen der Kunst verschiedene Aspekte seiner Existenz beleuchtet. Als Geschichtsträger steht er zwar im Hier und Jetzt, verweist aber gleichzeitig auch auf seine Vergangenheit. Von hier aus lässt sich eine Brücke schlagen zu unserer eigenen Existenz: Ist nicht auch unser Inneres einer ständigen Wandlung unterworfen als Reaktion auf eine sich permanent verändernde Umwelt? Und wie stark ist das, was einmal war, noch präsent?
Andere Arbeiten nehmen den Turm als Möglichkeit für eine neue Perspektive wahr: Das gegenüberliegende Ufer, das Wasser, die Tauben oder Formen des Baus werden fokussiert, geraten für einen Moment ins Zentrum der Aufmerksamkeit und sollen den Betrachter zum bewussten und damit veränderten Sehen verführen.

Wenig Verbindendes

In den Arbeiten, wo die Lage des Turms an einem Fluss, an einer Grenze reflektiert wird oder er als Ort der Gefangenschaft interpretiert wird, wird der Turm schliesslich zum Symbol. Mark J. Huber durchflutet den ganzen Raum mit Tönen, Geräuschen und Melodien, die mal Leichtigkeit, dann wieder Irritation und Unbehagen erzeugen.
Wenn auch einzelne Aspekte und Ansätze in der Videoinstallation Hänkiturm durchaus zu interessanten Gedanken anregen, so bleibt doch die Frage, ob der Turm nicht vielleicht zu eng war für die Vielfalt künstlerischer Positionen - oder war es umgekehrt? Zwischen den einzelnen Clips entsteht nicht wirklich ein dichtes Netz, weder formal noch inhaltlich, und die Geräuschkulisse allein vermag diese Verbindung nicht zu schaffen. Erfreulich an diesem Projekt ist aber, dass der Kanton dem hiesigen Kunstschaffen eine Plattform bot und dass sich hier eine lebendige, verspielte und interessante thurgauische Kunstszene präsentiert, die sich nicht dem sicheren Wert verpflichtet, sondern kühn und waghalsig einen Turm erklimmt.

Ausstellung: Bis 28. September; Sa/So 14-20 Uhr; Abend-Event 17. September, 19 Uhr; Finissage 28. September, 17 Uhr; www.2003.tg.ch

Von Rebekka Ray, erschienen in der Thurgauer Zeitung vom 9. September 2003

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