Vier Wochen Künstler-WG am Untersee

15.05.2007 09:28

Den Turmhof Steckborn haben 14 Kunstschaffende in Beschlag genommen, haben sich auf Räume und Umgebung eingelassen.

Steckborn – Alle waren da: die Kunstschaffenden, die Redenden, die Gwundrigen. So belebt habe er den Turmhof noch nie erlebt, meinte Ständerat Philipp Stähelin. Weit über 200 dürften es gewesen sein, die am Samstagnachmittag nach Steckborn kamen, um zu sehen, was es mit der Ausstellung auf sich habe, die den eigenartigen Titel «Daneben» trägt. Stähelin erinnerte als Stiftungspräsident an die Erneuerung, die der Turmhof vor sich habe. Um ihn als Kulturzentrum am Untersee zu beleben, brauche es stete Nutzung, aber auch «Events wie diesen». Der Turmhof soll der «Strahlpunkt am Untersee» werden.

Nähe macht neugierig
Genüsslich nahm Lucia A. Cavegn, Kunstkritikerin aus Winterthur, in ihrer Rede die Ausstellung beim Wort. «Daneben» drücke «Nachbarschaft» aus, schliesse eine Begegnung ohne physische Nähe mit ein. Das Wort stehe aber auch für «Deplatziertheit», das etwas fehl am Platze erscheine. Cavegn hielt sich an die räumliche Bedeutung des Wortes. Nähe verbinde, mache aber auch Unterschiede deutlich. «Im besten Fall macht das ‹Daneben› neugierig.» In der Ausstellung im Turmhof, die sie ein «aussergewöhnliches und spannendes Projekt» nannte, zeigen fünf Künstlerinnen und neun Künstler ihre Werke «in friedlicher Nachbarschaft». Sie tun dies «nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander». Für Lucia Cavegn ist die Ausstellung mehr als eine Gruppenausstellung, «sie ist ein Gemeinschaftswerk – eine Art künstlerische WG für die Dauer von vier Wochen» in einem für die Kunst unüblichen Ambiente. Vorgesehen gewesen war ursprünglich das Heimatmuseum, doch dass die Kunstschaffenden mit zwei Nebengebäuden vorlieb nehmen mussten, habe mehr Gestaltungsmöglichkeiten geboten. Bei den Ausstellenden hat die Aufgabe einen «ungemein kreativen Prozess» ausgelöst. Die meisten sind in einen stillen Dialog mit dem Ort getreten, haben sich eingehend mit Geschichte, Lage und Struktur des Gebäudekomplexes auseinandergesetzt und sich von den Räumen und Funktionen inspirieren lassen. Entstanden sind viele neue, situationsbezogene Arbeiten in den abgelebten Räumen, die sich zu einem «stimmungsvollen und tiefsinnigen Gesamtkunstwerk» fügen. Cavegn bezeichnete die Ausstellung «Daneben» als «geradezu visionär», denn sie zeige, wie ein brachliegender Ort belebt werden könne, wenn Ideen und Kräfte gebündelt würden.

Wasser verbindet Werke
Der Turmhof liegt hart am Wasser, in fast allen Werken ist es sichtbar oder spürbar. Am deutlichsten vielleicht bei Bianca Frei-Baldegger, die zwei Wände eines Zimmers mit raumhohen blauen Bahnen zum See hin weitet, und bei Helmut Wenczel, der in seiner Klang-/Videoinstallation die Bootshaut zum Beobachtungstunnel macht. Verena Wanner greift in Bildern die Farben auf, während Erich Rutishauser stilisierte Türme hinter ein Gitter stellt. Martin Maeder lässt durch nachgemalte Fensterkreuze auf exotische Strände blicken, Philippe Mahler malt menschenleere Räume; Pierre Sutter zeigt beides, Ein- und Ausblicke, in zwei Fotoserien, Walter Fröhlich stilisiert die Landschaften der Umgebung. Am intensivsten lässt sich Marta Herzog ein: auf die hässliche Küche. Greift die Rhomben vom blauen Fussboden auf, spiegelt sie mannigfach, spielt mit dem Licht und unseren Sehgewohnheiten. Vom stillgelegten Pumphaus lassen sich Marianne Jost-Schäffeler und Ursula Fehr zu Symbolhaftem, fast Mystischem inspirieren. Dann soll man ans Wasser stehen und hören, schauen. Und dann ins Foyer gehen, wo der Kunst-Kiosk mit weiteren Werken lockt und das Bistro von Claudine und Oliver Nyaguy mit dem würzigen Prius Rueda und den raffinierten Bissen.

Ausstellung Bis 4. Juni. Fr/Sa 16–20, So 11–17, Pfingstmontag 14–17 Uhr.18. Mai, 19 Uhr: Lesung Marianne Ulrich.1. Juni, 17.30: Präsentation Kartenedition.www.turmhof.ch, www.kuenstlerinnen-tg.ch

Von Dieter Langhart, erschienen in der Thurgauer Zeitung vom 15. Mai 2007

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