Strukturen erzählen Geschichten

22.11.2005 09:50

Nur alle zwei Jahre öffnet Erich Rutishauser seinen Werk- und Wohnraum in Güttingen der Öffentlichkeit. An diesem Wochenende war es wieder soweit: Die sinnlich reizvollen Strukturkollagen lassen beim Betrachten die Gedanken fliessen.

„Deine Bilder sind farbiger geworden, stimmt's?“ fragt eine Atelier-Besucherin den Güttinger Künstler. „Die Kunst ist allgemein farbiger geworden“, stellt dieser fest und führt die Besucher gern zu verschiedenen Bildern und Objekten in seinem Atelier. Zu viel von seiner Arbeitsweise will Erich Rutishauser nicht verraten, immerhin ist seine unverwechselbare Handschrift Ergebnis eines intensiven Arbeits- und Denkprozesses. „Ich trage die Farben schichtweise auf, bis eine Struktur entsteht, die dem Material entspricht.“

Reizvolle Strukturkollagen
Erich Rutishauser fügt seine Bilder aus vorgefundenen und farbig bearbeiteten Holzstücken in konstruktivistischer Strenge und handwerklicher Präzision zusammen. Das Ergebnis sind sinnlich reizvolle Strukturkollagen, die von ihrer früheren Nutzung erzählen – aber gleichzeitig neue Geschichten entwickeln. Scheinbar alltägliche Materialien entwickeln eigenen Sinn und Sein. Ein Prozess, der keinen Stillstand kennt. „Ich habe in den letzen Jahren meine Bilder reduziert“, fasst der Künstler zusammen. Inspiriert wird er unter anderem von der Entwicklung der Architektur. „Ich befinde mich in einem stetigen Wandlungsprozess, dadurch entwickeln sich die Veränderungen.“ Neu sind in seinem Schaffen etwa schmale, lange Aneinanderreihungen von Strukturflächen. Und von einer kürzlich erfolgten Ausstellung hat Erich Rutishauser Handteller-kleine Bilder beibehalten, die sich als Dekorationsobjekte für Tische und ähnliches eignen. „Meine Bilder sollen ein Stück Lebensqualität ausdrücken“, sagt er.

Lebensqualität erfahren
Wie sich diese Lebensqualität in einem Wohn- und Lebensraum ausdrücken kann, dass zeigte der Rundgang durch Erich Rutishausers Haus an der Sonnenbergstrasse: Stimmigkeit in Form und Farbe, die sich in die Abläufe des Lebens einfügt. Längst sind die Bilder des in Güttingen aufgewachsenen und seit 1986 ausschliesslich als Künstler tätigen Erich Rutishauser überregional von Bedeutung. Nach wie vor aber prägen sie ebenso so manchen privaten und öffentlichen Lebensraum der Güttinger. Ob im Wartezimmer des Hausarztes oder in den eigenen vier Wänden: sie erzählen unverwechselbar von der Ausdrucksfähigkeit von Material und Farbe, von Strukturen, die niemals zufällig eingesetzt werden und Erfahrung, Empfindung und Vorstellungskraft widerspiegeln.

Von Hanna Mauder-Wick, erschienen im St. Galler Tagblatt vom 22. November 2005

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