Selbst verordneter Freiheitsentzug

27.05.2005 09:52

Die KünstlerInnengruppe Thurgau bespielt «3 x 3 Tage» die Komturei Tobel

Tobel. Die KünstlerInnengruppe Thurgau sucht für gemeinsame Projekte auch Inspiration an historisch denkwürdigen Orten. Diesmal fand sie die Komturei Tobel, die 16 Mitglieder und fünf Gäste zu neuen künstlerischen Aktionen herausfordert.

Nach der erfolgreichen Aktion im Hänkiturm Diessenhofen 2003 will die KünstlerInnengruppe nicht mehr einfach nur Gesamtausstellungen machen, sondern fordert sich mit aufwendigen Projekten, die an einem historisch verbürgten Ort ein Thema vorgeben. Darauf einlassen will sich nur ein Teil der Mitglieder, dafür werden diese Arbeiten unter einem Thema zusehends spannender.

Gefängnis inspiriert
Die Komturei war schon vor zwei Jahren im Gespräch der vereinigten Kunstschaffenden. Nun wagen sie es, im Umfeld dieses Denkmals dessen Atmosphäre und historischen Hintergrund in ihre Arbeiten hineinzunehmen. Was vorgegeben ist: einerseits die Barock-Architektur von Johann Caspar Bagnato, der die Anlage Mitte des 18. Jahrhunderts im Auftrag des Johanniterordens errichtete. Dann der Hintergrund dieser geistlichen Kreuzritter, die in Tobel eine Beherbergung anboten für Pilger auf dem Jakobs-Weg. Andererseits richtete hier der neue Staat Thurgau 1809 sein Zuchthaus ein, das bis 1972 bestand. Der Geist zweier so unterschiedlicher Institutionen hat genügend Spuren, Staub und Stimmungen hinterlassen, sodass die Beteiligten schnell den Zugang fanden zu den ehemaligen Gefängniszellen, zu hohen Räumen mit Stuckdecken, zu langen Gängen und düsteren Ecken, um hier ihre Vorstellungen künstlerisch umzusetzen. Die meisten hat berührt, dass hier Menschen eingeschlossen waren, und zwar in bedrückenden Verhältnissen. Sie haben sich intensiv auseinander gesetzt mit dem Leben in Gefangenschaft, sahen die Gitter vor den Fenstern (Regula Sonderegger), die Kritzeleien in den Zellen, spürten die Kälte in den Räumen und stellten sich das Abzählen der verbüssten Tage vor (Stefan Rutishauser).

Fiktive Häftlinge
Im ehemaligen Essraum gibt es bunt «Gedeckte Tische» (Erich Rutishauser), um den Kontrast zur einstigen Düsternis aufzuzeigen. Katharina Portmann fordert mit ihrer Installation «Mehr Brot» für die Welt, und Charles Boetschi öffnet mit neuen Bildern Fenster auf die sonst zugebaute Landschaft. Martin Maeder, Werner Schmid und Elsbeth Harling versetzten sich je in einen fiktiven Häftling, ganz unterschiedlich sind die möglichen Erinnerungen an das Eingeschlossensein und Aussichten auf eine Zukunft danach. Sehr berührend die Hülle eines Menschen (Agnes Blum), der auf dem Fussboden einer fast entleerten Zelle liegt: ist er tot oder hat sich seine Seele einfach auf befreiende Wanderschaft begeben? Seine architektonische Tour d'horizon hat Pierre Sutter schon vor fünf Jahren begonnen, indem er immer wieder fotografierend Details aus der Anlage festhielt, die sehr viel von der Geschichte dieses Hauses erzählen. Bianca Frei-Baldegger hat sich besonders mit der (Malteser)Kreuz-Symbolik der Johanniter beschäftigt, und auf der Südseite des Haupthauses grossflächig dieses Zeichen ausgelegt, das auch im Innern zu sehen ist.

Lesung mit Arthur Honegger
Zur Ausstellung in der Komturei an drei Wochenenden hat die KünstlerInnengruppe ein Rahmenprogramm organisiert. Am Samstag, 28. Mai, gibt es um 19.30 Uhr eine Performance mit Bernhard Göttert (Cello), Renato Müller (Live-Video) und Mark J. Huber (Perkussion). Das Trio versteht sich als Orchester, das über einen Regieplan improvisiert. Alle Bilder und Töne werden live hergestellt und treten in spannende Kommunikation (Gewölbekeller). Um 20.30 Uhr liest dann Arthur Honegger aus seinem Buch «Die Fertigmacher». An diesem Wochenende ist die Komturei am Freitag, 16-19, Samstag, 14- 22, und Sonntag, 11-17 Uhr, geöffnet. Zur Finissage am 5. Juni, 11 Uhr, ist Pater Leo Müller (Fischingen) in einem Podiumsgespräch zu Gast. (map)

Wer macht mit?
Charles Boetschi, Ursula Fehr, Bianca Frei-Baldegger, Walter Fröhlich, Urs Graf, Elsbeth Harling, Mark J. Huber, Marianne Jost-Schäffeler, Martin Maeder, Katharina Portmann, Erich Rutishauser, Stefan Rutishauser, Regula Sonderegger, Pierre Sutter, Helmut Wenczel, Max Zwissler (von der KünstlerInnengruppe). Eingeladen als Gäste sind: Taru-Mariaa Aegerter, Agnes Blum, Renate Flury, Werner Schmid, Beat Zihlmann.

Von Barbara Fatzer, erschienen im St. Galler Tagblatt vom 23. Mai 2005

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