Kultur: Mehr als ein Standortvorteil

23.09.2003 10:00

«Kultursee»: Die Installation Hänkiturm in Diessenhofen ist nur eine von vielen gelungenen Kunstaktionen

Diessenhofen - Projekt «Kultursee»: Es hat Kunstschaffende herausgefordert, ihre Kreativität und Kompetenz für ein Experiment einzusetzen, das in seiner Durchführung höchste Ansprüche stellte. Man darf es als gelungen bezeichnen.

Es geht auf die Wahlen zu, daran bemerkbar, dass die schon amtierenden oder noch zu wählenden Männer und Frauen vermehrt auch an kulturellen Anlässen anzutreffen sind. Dazu bietet «Kultursee» im September laufend Möglichkeiten. Wichtigeres Ziel dieser Jubiläumsver-anstaltung ist aber, dass diese Events von Kunstinstallationen über Theaterpremieren bis Jazzkonzerte attraktiv genug sind, dass Interessierte aus allen Schichten hinströmen; diese sind zumeist fasziniert vom Gebotenen.

Auch die beiden Kunstereignisse dem See und den Rhein entlang, Richard Tisserands «Gedächtnis einer Landschaft» und die Installation Hänkiturm in Diessenhofen haben viel Aufsehen erregt. Zu Recht. Da ist die völlig andere Jahresausstellung der Thurgauer KünstlerInnengruppe, die für einmal verzichtet hat auf das obligate Hängen von mehr oder weniger neuen Bildern, sondern sich mit zehn Mitgliedern in Diessenhofen auf ein Experiment eingelassen hat, das auch hätte fallieren können. Denn die Beteiligten beschäftigen sich sonst mehrheitlich mit Malerei und Objektkunst.

Gemeinsames Konzept

Anfänglich war vorgesehen, individualistisch am Rhein eine Freiluftausstellung zu inszenieren, das wäre dann aber kein Projekt der Gruppe gewesen und dafür hätte es auch keine finanzielle Unterstützung aus dem Jubiläumsfonds gegeben. Das zwang die Mitmachenden, konzeptionell vorzugehen, und vor allem gemeinsam ein Projekt zu erarbeiten. Während der ernsthaften Auseinandersetzung am Ort stiess die Gruppe auf den vernachlässigten Hänkiturm, zwar ein Wahrzeichen der Stadt, aber längst nicht mehr zugänglich. Die Atmosphäre im und um den Turm inspirierte, sich auf diesen Ausführungsort zu konzentrieren, was aber auch grosse Sensibilität abforderte, darin mit dem neuen Medium, einer Videoinstallation, die sich aufdrängenden Themen wie Aus- und Einblicke in den Turm, aufs Wasser und Ufer sowie innere Bildwelten zu visualisieren.

Bild-Klang-Raum
Der ein Jahr dauernde kreative Prozess verlangte von den Beteiligten Durchhaltevermögen und unumgänglich eine kritische Auseinandersetzung. Zum Teil ist spürbar, dass die Beteiligten von der statischen Bildverarbeitung herkommen und sich zum ersten Mal mit Videos beschäftigten: nicht alles ist gelungen. Aber das stört nicht weiter, da die Mitwirkenden miteinander ein Gesamtkunstwerk geschaffen haben, das Architektur, neue Ausdrucksmöglichkeiten und die Atmosphäre eines geschichtsträchtigen Raumes miteinbezieht.

Innovationsschub
Die Projektion dreier Videos auf die strukturreiche Turmwand, die so imaginäre Bilder mit dem Ort selbst verquickt, ist solch ein geglückter Einfall, die rhythmische Verbindung von kurzen Sequenzen aus den neun Videos im Masterclip, der so die Gleichwertigkeit aller Beiträge demonstriert, ein anderer. Ganz wesentlich sind aber auch die übereinander gelegten Rohklänge, die aus dem Turm selbst stammen, die den Rhythmus der Videoabfolgen bestimmen und so - einmal umgekehrt - den Ton bebildern. Das alles zusammen ergibt eine ungemein dichte Stimmung auf den verschiedenen Etagen des Turms, die mehrsinnlich erfahren werden kann und gerade darum auch gefangen nimmt. Für die Thurgauer KünstlerInnengruppe hat dieses risikobehaftete Experiment einen Innovationsschub gegeben, der sich hoffentlich auf weitere Aktionen und das Weiterbestehen der Vereinigung auswirken dürfte.

Von Barbara Fatzer, erschienen im St. Galler Tagblatt vom 23. September 2003

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